Koray Yılmaz-Günay

Autor: Koray Yılmaz-Günay

Tugendterror

Nostalgie als hergestellte Empfindung

In den 1980er Jahren sagte mein Erdkunde-Lehrer (zugleich Direktor meiner Oberschule) anlässlich meiner mahnenden Worte, die einer gewissen Skepsis gegenüber seinem autoritären Unterrichtsstil Ausdruck verleihen sollten, der aus unerfindlichen Gründen glücklicherweise vergangene Jahrzehnte überdauert hatte:«Geh doch rüber [DeDeEr], wenn es dir bei uns [West-Berlin] nicht passt.» Ich wollte nicht «rübergehen», weil es in der DeDeEr schrecklich aussah. Anders vermutlich als Herr F. war ich gelegentlich in Ost-Berlin. Und ich kam ohne Lepra, Cholera oder einen Gendefekt zurück. Darüber hinaus fuhr ich mit meinen Eltern auf dem Weg in den Sommerurlaub jedes Jahr über die Transitstrecke durch einen Teil des Landes, der für mich ein eigener Staat war, in etwa so «deutsch» und «unser» wie Österreich. Nämlich gar nicht. Aber genauso öde wie das, was ich aus Berlin kannte.

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Wissenschaft

Enquetekommission «Ursachen und Formen von Rassismus und Diskriminierung in Thüringen sowie ihre Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben und die freiheitliche Demokratie»

Als Konsequenz aus den Taten des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrundes und dem damit zusammenhängenden Versagen staatlicher Institutionen hat sich mit der Enquetekommission «Rassismus und Diskriminierung» zum ersten Mal ein Parlament in…
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Tugendterror

Auch im fortschreitenden Alter

Offenbar ist mit Lebenslangem Lernen zum Beispiel auch gemeint, dass du jederzeit erfahren kannst: Es existiert das Wort «Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung» – und also auch Menschen, die sich eine Verordnung zur Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragung…
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Tugendterror

Deutsch, deutscher, am deutschesten


2006–2011 gab es den «Muslim-Test» in Baden-Württemberg. Ein Bundesland, das bis dahin nicht durch besondere Zuneigungen für die Gleichberechtigung von Frauen oder die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt aufgefallen war, belästigte «Muslime», also alle Menschen aus den 57 Mitgliedsstaaten der Islamischen Konferenz sowie Menschen aus anderen Ländern, die von – natürlich sachkundigen Einbürgerungs-Beamten – für «muslimisch» gehalten wurden, mit Fragen zur Akzeptanz von Gleichberechtigung undpipapo (ca. 50% der 30 Fragen), die anderen 50% befassten sich mit unter Umständen vorhandenen Sympathien für Terror, der Liebe zur Verfassung und zur Judenheit und anderen Dingen, für die Deutsche ganz besonders bekannt sind.


Wer die deutsche Staatsangehörigkeit erwerben wollte, wurde dann darauf hingewiesen, «dass unwahre Angaben als Täuschung der Einbürgerungsbehörde gewertet werden und – auch nach Jahren – zur Rücknahme der Einbürgerung führen können», und zwar selbst dann, wenn die Person dadurch staatenlos werden würde. Wie gut, dass das Grundgesetz, also die Verfassung, der alle Treue zollen sollen, mitteilt:


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Tugendterror

Polizei und Kriminalstatistik: Diversity egal

Nichts gegen Diversity, z.B. bei der Polizei. Ganz im Gegenteil: Ich habe ein ❤ für Diversity, auch bei der Polizei. Allerdings würde Diversity ein Doppel-❤ bekommen, wenn sie nicht nur meinen würde, mehr Leute einzustellen, die «Migrationshintergrund» haben. Unflankiert kann das ins Auge gehen. So wie: Kugelschreiber im Auge. Da haste dich dann kurz gefreut, aber nichts wird besser (als das Einkommen der Eingestellten).

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Tugendterror

Tugendterror 2.0

Meinem inneren Propagandaministerium steht jetzt eine noch deutlicher linksgrünversiffte jüdisch-kommunistische Minister_in mit zwei dynamischen Gendersternchen vor. Si_er hat neue Verwaltungsrichtlinien erlassen, die es mir in Zukunft verbieten, Personen und Personengruppen respektvoll zu begegnen bzw. von diesen Pe*rsonen_grup*pen ausgerichteten Aktivitäten beizuwohnen, die positiven Bezug auf ein*en oder mehrere dieser Begriffe nehmen (insbesondere, nicht ausschließlich):

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Tugendterror

Wo geht es mit den «Nazis» hin, wenn sie «raus» sind?

1. Spoiler: Die Nazis sind bereits «raus». Und zwar nicht, weil sie jemals ernsthaft «raus» sollten, sondern einzig und allein aus dem ordinären Grund, dass sie sterblich waren. Wer bei der NSDAP mitgemacht hat – in der Partei, bei einer der zahllosen Neben- und Unterorganisationen und/oder im freiwilligen Dienst in Betrieb, Nachbarschaft oder Familie –, ist mittlerweile tot oder wird nicht mehr mit der guten alten Zeit belästigt, wo die Autobahnen noch keine Schlaglöcher hatten. Auch bei 99,78% der noch lebenden klopft der Tod mittlerweile lauter an die Tür als das Herz oder der Staat, der Unrecht bestrafen will.

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Tugendterror

Was ich beim Deutschunterrichten selbst so lerne


Es ist nicht nur interessant, welche Unterschiede zwischen «Ich habe eine ARBEIT» und «Ich habe einen JOB» existieren (Arbeitssicherheit, geregelte Arbeitszeiten, Urlaubsanspruch, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, existenzsicherndes Einkommen…). Es ist auch interessant, dass das eine «ARBEITS-Agentur» und das das andere «JOB-Center» heißt. Da weißte, in welchem Bereich deine (potenzielle) Vernutzung vorgesehen ist.

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Tugendterror

Sozen-Neid, Sozialneid

Wenn Steuern wieder erhoben werden würden, die es schon einmal gab (Vermögenssteuer),wenn Steuern überhaupt erhoben werden würden, die alle (außer die F.D.P.) wollen (Finanztransaktionssteuer),wenn Steuervermeidung bekämpft werden würde (Kapitalertragssteuer und…
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Tugendterror

Man sieht nur mit den Augen gut, das Wesentliche ist für das Herz unsichtbar

Die meisten Leute mit Farbenfehlsichtigkeit, die ich kennengelernt habe, sagten von sich zum Beispiel: «Ich habe eine Rot-Grün-(Seh-)Schwäche». Wenn sie überhaupt davon sprachen. Diejenigen, die von sich sagten, sie seien «farbenblind» meinten demgegenüber nicht, dass sie gar keine Farben, sondern nur Kontraste (hell/dunkel) sehen, sondern dass sie meinen, an Menschen keine «Farbe» zu sehen. «An Menschen» meint hier nicht die Kleidung, das Haar oder die Augen von Menschen, sondern «die Haut».

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Tugendterror

Restauration ohne Revolution

Der Sozialarbeiter-Pädagoge-Psychologe Ahmad Mansour verkündete gestern auf Twitter seine Liebe zu Abschiebungen, solange sie rechts-staatlich erfolgen, aber – ganz wichtig – ohne Panikmache: Die #Abschiebung von Strafttätern entscheiden Gerichte. Nicht…
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Tugendterror

Stille Post

Wenn dein Staat andere (dich er-) morden lässt, damit die eigenen Patschehändchen sauber genug bleiben, um andernorts Demokratie reinzubomben, heißt das a) bedauerlicher Einzellall?b) Behördenversagen/Panne?c) nicht erwiesen? Die richtige Antwort…
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Tugendterror

Mir hilft «Recep, der Nazi» nicht

1. Das Wort «Nazi» bezeichnet eine außerirdische Spezies, die irgendwann auf die Erde kam und – mit einem Schlag und ausgesprochen zufällig – das Deutsche Reich in seine Gewalt nahm und es in seine Epoche des Nationalsozialismus führte (daher der Name «Nazi»). Die Deutschen lebten in dieser Zeit im Untergrund, deswegen wird immer gesagt: «Die Nazis haben…» – Bis heute weiß niemand so genau, wo sich die Deutschen befanden, solange die Nazis da waren.

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Tugendterror

Braucht es Unterstriche und/oder Sternchen, um ein guter Mensch zu sein?

Als die Zeitschrift Gigi eingestellt wurde, schrieb ihr Chefredakteur zu den Gründen u.a.:

Es fehlte nicht wirklich an Geld, Gigi hat stets schwarze Zahlen geschrieben. Vielmehr wäre eine neue, mindestens eine personell erweiterte Redaktion gebraucht worden. Doch in Zeiten, da immer mehr junge Menschen als Berufswunsch «irgendwas mit Medien» angeben (irgendwas mit Rechtschreibung und Grammatik wäre zunächst erfreulicher), hat ein journalistisches Medium es schwer, das gedruckt wird, das nicht flüchtig ist wie eine schnell erstellte Website im Internet oder ein eitles Blog zur gepflegten Selbstbespiegelung.

Ich finde das «Irgendwas mit Rechtschreibung und Grammatik» selbstverständlich sehr witzig, weil es sich über die Verhunzung lustig macht, ein bisschen elitär-konservativ ist – und damit die eigene Zugehörigkeit zu was Bessrem betont. (Und – klar – auch, weil es eine schlimme Realität beschreibt.)

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Tugendterror

Andrea Nahles macht jetzt in Verfassungsrecht

Vor vier Tagen verlautbarte Andrea Nahles:

Vor 69 Jahren ist das Grundgesetz in Kraft getreten. Es ist die Richtschnur unseres politischen Handelns und die Leitkultur für alle Menschen in unserem Land.

Offenbar sollte sie selbst das Grundgesetz gelegentlich aufschlagen, bevor sie Ansichten äußert, zumindest, wenn sie zu «allen Menschen in unserem Land» dazugehören möchte, denn → «die entscheidenden Fragen», die ihr «ungeklärt» erscheinen, sind bereits vor 69 Jahren geklärt worden.

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Tugendterror

Willkommen bei Freunden!

Deutschland ist, wenn am selben Tag Bier nicht mehr «bekömmlich» genannt werden darf (Bundesgerichtshof), es im Rahmen der Meinungsfreiheit aber total tutti ist, Aydan Özoğuz «entsorgen» zu wollen (Staatsanwaltschaft Mühlhausen/Thüringen).
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Tugendterror

Kandidatur aus dem Gefängnis

Am 24. Juni 2018 finden vorgezogene Wahlen in der Türkei statt, mitten im Ausnahmezustand, damit das Präsidialsystem für Herrn Erdoğan schneller eingeführt werden kann. Der einzige Lichtblick, wenn auch nicht sehr aussichtsreich: Am Freitag hat Selahattin Demirtaş von der HDP aus dem Gefängnis in Edirne (an der bulgarischen Grenze, also am Arsch der Welt, von Ankara aus gesehen) seine Kandidatur erklärt. Hier ist meine (etwas holprige) Übersetzung der Erklärung der Kandidatur eines politischen Gefangenen:

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Zeitschriften/Blogs

Die perfide Sehnsucht nach Widerspruchslosigkeit

Weil ich in den letzten zwei bis sieben Wochen immer wieder darüber nachdenke (und gelegentlich auch Selbst- und Fremdgespräche darüber führe), möchte ich dies mitteilen: Eine gewisse Form der Sehnsucht nach Widerspruchsfreiheit (auch bei Menschen, die ich kenne und meistens schätze) geht mir sehr, sehr auf die Nerven. Sie ist sozusagen schlimmschlimm. Scheußlich geradezu.

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Tugendterror

Quo vadis, Frühsexualisierung?

Ich möchte der Frühsexualisierungscommunity zweieinhalb ernstgemeinte Fragen stellen: 1. Hat es aus dem Spektrum besorgniserregender Eltern jemals eine Kampagne gegen Telefonsex-Hotlines bzw. «Fremdgeh»-Webseiten im TV-Nachtprogramm oder die «galaktischen Orgasmen» von…
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Tugendterror

Wie wird das Heimatministerium im Jahr 2134 heißen?

Wer im Jahr 2134 (das sind nur noch 116 Jahre oder so) noch keine Termine hat, kann vielleicht an einem Tag, wo keine Wiederholung der «Sendung mit der Maus» läuft, herausfinden, wie heute staatliche Behörden und Neonazis Hand in Hand arbeiteten, um gewöhnliche Menschen zu ermorden und die Spuren zu vernichten, so gut sie es vermochten: → Verfassungsschutz will NSU-Bericht für 120 Jahre wegschließen.

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