Home Text Wo geht es mit den «Nazis» hin, wenn sie «raus» sind?

Wo geht es mit den «Nazis» hin, wenn sie «raus» sind?


1. Spoiler: Die Nazis sind bereits «raus». Und zwar nicht, weil sie jemals ernsthaft «raus» sollten, sondern einzig und allein aus dem ordinären Grund, dass sie sterblich waren. Wer bei der NSDAP mitgemacht hat – in der Partei, bei einer der zahllosen Neben- und Unterorganisationen und/oder im freiwilligen Dienst in Betrieb, Nachbarschaft oder Familie –, ist mittlerweile tot oder wird nicht mehr mit der guten alten Zeit belästigt, wo die Autobahnen noch keine Schlaglöcher hatten. Auch bei 99,78% der noch lebenden klopft der Tod mittlerweile lauter an die Tür als das Herz oder der Staat, der Unrecht bestrafen will.


2. Bevor die Nazis «raus» waren, waren sie «drin». Und zwar ziemlich «drin». An quasi allen staatlich, gesellschaftlich, wirtschaftlich, journalistisch, kulturell, wissenschaftlich, politisch (…) relevanten Orten. In niedrigen, mittleren, höheren und höchsten Positionen. In welchem Maß die Integration von «Hauptschuldigen», «Belasteten», «Aktivisten», «Minderbelasteten», «Mitläufern» und «Entlasteten» Anliegen der frühen Bundesrepublik (und wohl zum Teil auch der DDR) war, lässt sich hervorragend u.a. in Max Czolleks «Desintegriert euch!» nachlesen.


3. Es nimmt nicht Wunder, dass diejenigen, die mit viel Mühe, Geld und zugedrückten Augen nicht «raus», sondern «rein» geholt wurden, wiederum gerade die Teile der Generationen ihrer Kinder und Kindeskinder in Behörden, Parteien, Wirtschaftsverbänden, Schulen und Hochschulen, Parlamenten (…) unterbrachten, die sich mit der «neuen demokratischen Realität wie mit einer unvermeidlichen Krankheit» arrangiert hatten (auch Czollek). Dies bedeutet aber deswegen nicht, dass die Kinder und Kindeskinder der Nazis «Nazis» waren oder sind. Sie dürfen nicht mehr sagen: «Führer war alles besser» (Hermann L. Gremliza). Ihnen muss reichen: «Früher war alles besser.»


4. Die beharrlich wiederholte Aussage, «Deutschland» habe seine «Vergangenheit» – und zwar anders, besser und sehr wahrscheinlich unnachahmlich – «bewältigt», gehört zum Selbstverständnis des Landes, seiner Eliten und Nicht-so-Eliten. Von diesen Menschen und ihrem biologischen und/oder ideologischen Nachwuchs als «Nazis» zu sprechen, verkennt vielleicht nicht ihre nach wie vor in den Apparaten verankerten Machtpositionen, durchaus aber das wesentlich komplexer zu erstellende Selbstbild und die – vor allem und zum Glück durch die alliierte Kontrolle – eingeschränkten Äußerungs- und Handlungsoptionen. Außerdem gab und gibt es im Grundgesetz und in einigen der politischen Parteien, in den meisten Gewerkschaften, in Teilen der «Zivilgesellschaft», und selbst auf dem «Markt» (…) durchaus anti-nationalsozialistische Elemente. Nicht ganz unerheblich war sicher auch die zivilisatorische Funktion der Einbindung in die Europäische Gemeinschaft (bzw. Union).


5. Die Auslagerung von neonazistischen Einstellungen und Handlungen an den (historischen) Nationalsozialismus oder danach vermeintlich am Rand der Gesellschaft befindliche «Rechtsextreme» verkennt, dass die Grundfesten dieser Gesellschaft zu einem nennenswerten Teil aus einer Zeit stammen, in der das Nicht-Thematisieren des Nationalsozialismus zum Zwecke der Integration des NS-Personals zur Nicht-mehr-Thematisierbarkeit aktualisierter (und also anderer) Ausprägungen des Nationalsozialismus führte.


6. «Nazis raus», wo es nicht die ca. 88 verbliebenen Mitglieder der NSDAP meint, ist

  • entweder banal, da die Zahl der Betreffenden sehr klein und unbedeutend ist;
  • oder falsch, weil es die gemeinten Einstellungen, Personen, Ideologien bzw. Ideologeme oder Organisationen im besten Fall neo-nationalsozialistisch sind;
  • oder gefährlich, weil es die Wagenknechts, Lindners, Palmers, Sarrazins, Steinbachs, Seehofers und ihre nachgeordneten Vervielfältigungsmaschinen implizit freispricht, obwohl gerade sie es sind, die Hallräume für alle möglichen Formen der Menschenfeindlichkeit, des Autoritarismus, des Nationalismus etc. eröffnen, renovieren und/oder untervermieten und/oder weiterverkaufen.


7. Es ist zweifelsohne bedauerlich, wenn Menschen, nur weil sie «Nazis raus» in ihr öffentliches Internet-Tagebuch schreiben, mit einem Scheißesturm überzogen werden. Dieser Scheißesturm und die Solidarisierung – wie alle Scheißestürme und entsprechenden Solidarisierungen – finden aber in einer Gesellschaft statt, in der jeden Tag Millionen Menschen zurückgesetzt, gedemütigt, ausgeschlossen, bedroht, geschlagen und gelegentlich auch ermordet werden, weil sie das sind (oder vermeintlich sind), was Neonazis, aber nicht nur und längst nicht in erster Linie Neonazis, nicht zugehörig finden. Entsprechend sind die Solidaritäten auch höchst verschieden verteilt, je nachdem, ob die betreffende Person(engruppe) weiß, christlich und/oder deutsch ist oder nur ein Teil oder gar nichts davon. Oury Jalloh wurde nicht von «Rechtsextremen» ermordet, sondern von beamteten Angehörigen einer deutschen Landespolizei. Es ist kein Bundes- oder Landesinnenminister zurückgetreten, weil seine nachgeordneten Behörden die Tätigkeit des Nationalsozialistischen «Untergrundes» unterstützten, ignorierten, verharmlosten oder überhaupt erst möglich machten. Die demokratisch legitimierte Bundesregierung und Dutzende andere demokratisch legitimierte Regierungen verhandeln ein Gemeinsames Europäisches Asyl-System, das nicht nur ausnahmsweise und auch nicht nur wegen der Nachlässigkeit von einzelnen dazu führt, dass Menschen im Meer oder in einem Grenzfluss ersaufen oder in einem LKW ersticken oder auf eine andere Art irgendwo verrecken.


8. Es ist vollkommen unklar, wohin Neo-Nazis sollen – wenn sie denn diejenigen sind, die bei «Nazis raus» gemeint sind –, wenn sie «raus» sind. Eine lange here Kampagne der PDS (Nazis raus: aus den Köpfen) ist das einzige mir bekannte Beispiel dafür, dass der Spruch, der offenbar das rassistische «Ausländer raus» auf eine verquere Art «kritisch» wendet, wenigstens einen Schritt weiter geht. Anders als die meisten «Ausländer», denen sich ggf. ein «Heimatland» zuweisen ließe, sind Nazis und Neonazis aber hier «zuhause», wenn die Logik von «In-» und «Ausland» aufrechterhalten wird. (Mal abgesehen davon, dass diejenigen, die «ausländisch» sein sollen, zum Teil seit Jahrtausenden, Jahrhunderten oder Jahrzehnten hier und nur hier leben.) Es wäre aber auch sonst ganz und gar nicht wünschenswert, selbst dem schlimmsten Nachbarland (oder überhaupt einem Land) diese Gruppe zur weiteren Verwendung zu überantworten.


9. Es gibt kein «Raus», dem nicht zugleich und immer ein «Rein» gegenüberstehen müsste. Die Physikerin Emmy Noether hat das 1918 formuliert, indem sie feststellte, dass das Verhalten eines Systems sich nicht ändert, nur weil darin eine Transformation stattfindet – vgl. z.B. den Energieerhaltungssatz oder eben das Schieben von «Nazis» über die Drinnen-Grenze. Wer die zuletzt Genannten (immer noch verstanden als Neonazis) «raus» haben will, müsste also gelegentlich und definitiv noch mitteilen, wo sie denn nach Ausreise «rein» sollen. Sonst bliebe das «Raus» unmittelbar sinnlos.


10. Die Aussage «Nazis raus» bleibt bedauerlich systemimmanent. Viele haben darauf hingewiesen, dass damit ja «eigentlich» nur das wiederholt würde, was – unter anderem – den Geist (und wohl auch den Inhalt) des Grundgesetzes ausmacht. Ich würde mir von Menschen in meinem Umfeld allerdings wünschen, dass die Verteidigung der Verfassung ergänzt wird um die Kritik der Verhältnisse, die – unter anderem – leider auch mit der Verfassung und den Gesetzen des Bestehenden demokratisch voll und ganz legitim sind, vgl. etwa politische Maßnahmen wie Abschiebungen in wahrscheinliche Folter, in Elend, in mangelnde gesundheitliche Versorgung und gelegentlich auch in den sicheren Tod oder das Ausbleiben von politischen Maßnahmen wie z.B. ein nicht-abgesenktes Existenzminimum für Asylsuchende, weil ein Minimum ja eben ein Minimum definiert, oder die Versagung von Wahlrecht für Millionen Menschen in einer Gesellschaft, die Parlamentswahlen für eines der höchsten Güter hält. Max Czollek, zum letzten Mal heute, sagt: «Ein Extremfall ist kein Maßstab für eine Diskriminierung, sondern ein Beispiel dafür, wie schlimm die Dinge werden können.»


11. Es sollte also imho um die Gewöhnlichkeit des Widerwärtigen gehen, nicht um seine besonders abscheulichen Erscheinungsformen, wo ohnehin niemand bei Verstand Widerworte finden würde.