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«Sie müssen das verstehen…»

Wenn die Sonne scheint, weiß ich, dass es nicht so ist.


Ich höre gelegentlich, ich sei eingebildet. Sonnenbrand gehört zu den Indizien, die mir beweisen, dass ich wirklich existiere.

 

Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los…


Es ist «irgendwie» beruhigend, dass es einen Begriff für die Angst gibt, dass beim Erdnussbutter-Essen Erdnussbutter am Gaumen kleben bleibt. Ohne «Arachibutyrophobie» wäre das Leben maximal ein Drittel so schön.

 

Offenheit ist kein Schlüssel


Es gibt genau zwei Wörter, die dabei helfen, Türen zu öffnen. Das erste heißt: ZIEHEN, das andere: DRÜCKEN. Alles andere ist Humbug.

 

Problem: Lösung


Ich möchte der Firma Ferrero empfehlen, soziale Netzwerke wie Facebook zu nutzen, um die gefühlt 427 Jahre alte Frage, ob es sich bei ihrem Produkt «Duplo» um die längste Praline der Welt handele, endlich in einer automatisierten Befragung repräsentativ beantworten zu lassen. Das vermutlich zweitwichtigste Problem des hiesigen Werbefernsehens könnte dann endlich den Raum bekommen, der ihm zukommt. Meines Wissens sucht Deutschland nämlich schon genauso lang den Superstar. Offenbar lassen sich beide Angelegenheiten parallel nicht lösen.

 

Ich bin das eine Prozent


Ich habe wirklich mehr -philien als -phobien, ich habe lange darüber nachgedacht. Ich entdecke allerdings auch nach Wochen der Beschäftigung kein Gramm -philie für die Kreation «Public Viewing». Ich finde, alles Morbide sollte im privaten Rahmen – oder zumindest im engen Kreis – zelebriert werden.

 

Wer bin ich? Und wenn ja: Wie viele?


Für den Fall, dass jemand für den 3. Juli 2014 noch nach etwas sucht, worüber sich im Lauf des Tages auch nachdenken ließe:


Bei der Biedermeier-Vorstellung, dass Menschen «Identitäten» besäßen – und dass diese «Identitäten» zu allem Überfluss auch noch ihr Denken, ihre Rede oder ihr sonstiges (äußerlich erkennbares) Verhalten beeinflussten, handelt es sich um eine Biedermeier-Vorstellung. Das Biedermeier ist nun aber seit etwa hundertsechzigundeinpaarzerquetschten Jahren vorbei. Wir könnten jetzt langsam mal anfangen mit dem Post-Biedermeier, wonach kulturell normierte (= gesellschaftlich bedeutsame) Denk-, Rede- und andere Verhaltensweisen erst auf die Erzeugung «spezifischer» (z.B. individueller) Identität hinwirken. Und nicht andersrum.

 

Ach so, heute doch schon was vor? Macht nichts. Geht morgen auch noch.

 

Nomen est olet


Die Existenz der meisten fußt sehr wahrscheinlich auf Kohlenstoffverbindungen und doch sind die wenigsten organisch. Manche artikulieren Bedürfnisse im Namen anderer oder geben vor, sie (die anderen) oder sie (Interessen und Bedürfnisse von anderen) zu vertreten, und sind doch keine Intellektuellen. Eine der entscheidenden Fragen ist und bleibt für lange Zeit: Warum ist das Geschmeiß so viel erfolgreicher?

 

Gedanken vor Christi Himmelfahrt

 

Ich habe das erste Gebot heute nur zur Hälfte gebrochen: Ich habe zwar nicht akzeptiert, dass er der HErr, mein Gott ist. Andererseits habe ich (u.a. deswegen) keine anderen Götter gehabt neben ihm. Das zweite Gebot entfiel in Ermangelung der ersten Hälfte des ersten: Ich konnte seinen Namen nicht missbrauchen. Der Feiertag ist erst morgen, ich musste ihn nicht heiligen. – Wir sind immer noch bei einem halben gebrochenen Gebot bis hierhin. Meine Mutter und meinen Vater ehrte ich wie ehedem. Getötet habe ich, nicht willentlich, aber die dicke fette Spinne ängstigte meine Schwester und ich musste eine Priorität setzen. (Minus eins = anderthalb.) Ich habe nicht Ehe gebrochen, denn juristisch und theologisch gilt meine Partnerschaft nicht als solche. Ich habe nicht gestohlen. Das mache ich erst morgen. Ich habe nicht falsch Zeugnis geredet wider meine Nächsten. Dafür war keine Zeit. Außerdem ist immer alles, was ich über meine Nächsten rede, nicht falsch, sondern richtig. Ich mag meine Wohnung und begehrte deswegen nicht meiner Nächsten Haus noch ihr Weib, ihren Knecht, ihre Magd, ihr Vieh noch alles, was meine Nächsten besitzen. Für Produktions- und Verteilungsgerechtigkeit wird im Kommunismus noch genügend Raum und Zeit sein. Alles in allem war ich heute also zu 85% ein guter Christ. Und das Sabbat-Gebot sowie das Bildverbot beiseite – wie auch das Gebot, seinen Namen möglichst oft herzusagen –, war ich wohl auch ein guter Jude und Muslim.


Christus kann morgen, zumindest was mich betrifft, ganz beruhigt gen Himmel fahren. Er ist nicht umsonst gestorben.

 

Mehr Ruhm entspricht manchmal weniger Rum


Ich habe gestern Nacht von Eike Stedefeldts Bemerkung geträumt, es wäre erfreulicher, mehr junge Menschen würden als Berufswunsch «irgendwas mit Rechtschreibung und Grammatik» statt «irgendwas mit Medien» angeben. Er hatte diesen Wunsch, den ich zum hundertsten Mal sehr amüsant gefunden habe, in der letzten Ausgabe der Zeitschrift Gigi formuliert. Mehr will ich nicht mitteilen. Sollte ich heute Nacht von Sido feat. Rio Reiser («Geboren um frei zu sein») träumen, werde ich es für mich behalten.

 

Erfolg: serienmäßig

 

Hätte ich viel früher viel mehr Zeit gehabt und/oder während mancher Hustensaft-Kur nicht nur Codein eingelagert, sondern nebenher noch technischen Sachverstand erworben, hätte mir vielleicht der Fehler unterlaufen können, eine Fernsehserie mit dem Titel «How I met your Mudda» zu erdenken. So aber blieb mir der Sachverstand und der Welt dieses Übel erspart – und Welt und ich können weiterhin in der Erwartung leben, dass ein Berliner Club in der Urbanstraße einst zur Kulisse einer wirklich erhellenden Abendunterhaltungsserie werde: «Where I met your brother».

 

Konservative Gedanken ohne Nebenwirkung

 

Angehörige nachgeborener Generationen werden nur noch sehr, sehr, sehr zufällig herausfinden können, was es bedeutet, dass nach «Enter Sandman» das Lied «Sad But True» folgt. Viele andere Gedanken sind ebenfalls konservativ, haben aber deutlich mehr Nebenwirkungen.

 

«Ein unerschöpflicher Brunnen, in den kein Eimer hinabsteigt»


Anlässlich einiger Alltagsbeobachtungen im jungen Jahr 2014 möchte ich interessierten Teilen der sogenannten Öffentlichkeit das Verfassen eines begleitenden Erzählwerks anraten. Ähnlich wie ein fast gleichlautender Roman aus den 1980er Jahren könnte «Die unerträgliche Seichtigkeit des Seins» sich um die ewige Wiederkunft des Immergleichen drehen. Nietzsche, der nachweislich schon den Autor des erwähnten Romans beschäftigte, schrieb allzu passend vor genau 130 Jahren: «Allzu klein der Größte! – Das war mein Überdruss am Menschen! Und ewige Wiederkunft auch des Kleinsten! – Das war mein Überdruss an allem Dasein!»

 

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Was mir zum neuen Sarrazynismus einfällt, ist eher ein persönliches Ziel


Jean Améry hat der Mit- und Nachwelt weder seine Identität noch sein Ressentiment verschwiegen: «Der dies schreibt, ist kein Deutscher und hat diesem Volk keine Ratschläge zu erteilen.» Ich wünsche im Interesse meines Seelenheils, möglichst bald an einen ähnlichen Punkt zu kommen.

 

Das authentische Geständnis als Selbstportrait


«Ich bin … mir selbst begegnet», sagt Paul Celan im Meridian.

Es ist dasselbe Ich wie in Heinrich Heines Doppelgänger:


Da steht auch ein Mensch und starrt in die Höhe,

Und ringt die Hände, vor Schmerzensgewalt;

Mir graust es, wenn ich sein Antlitz sehe –

Der Mond zeigt mir meine eigne Gestalt.


Andere von mir empfundene Wahrheiten werden im Lauf der kommenden Wochen ebenfalls das Angesicht der Welt erblicken. Sie wird sich in ihnen selbst erkennen.

 

Konfrontative Pädagogik II


Wenn ich immer öffentlich äußern würde, was ich gern öffentlich äußern würde, könnte ich nach § 130 Strafgesetzbuch recht häufig mit «Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft» werden. Diese Aussicht ist nicht so schön. Die Aussicht, dass Tourette-Karaoke irgendwann als Workshop-Methode anerkannt werden könnte, ist da schon schöner.

 

Frontières Extérieures


Liebe besorgte Mitwesen allüberall:


Weder bei «Europa», wo auch immer das sein soll (Kolonien in aller Welt, Inseln weit draußen im Atlantik, Russland/Türkei…), noch bei der EU handelt es sich um eine «Festung». Die Durchlässigkeit für Reiche, «Hochqualifizierte», Saisonarbeiter_innen in der Landwirtschaft, Männer, die für einen Appel und ein Ei bauen und reparieren, Frauen, die für einen Appel oder ein Ei pflegen, erziehen oder sich prostituieren, ist gegeben. Auch für solche, die aus einem Katalog bestellt werden, um – selbstverständlich – keine Zwangsheirat einzugehen, sind die Grenzen nicht dicht.

 

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Kürziger. Würziger.


Blanche DuBois bringt es mal eben kurz auf den Punkt: «I don’t want realism. I want magic! Yes, yes, magic. I try to give that to people. I do misrepresent things. I don’t tell truths. I tell what ought to be truth.» Unvergesslich, auch von ihr, der ebenso gute, wahre, schöne Satz: «I have always depended on the kindness of strangers.»

 

Das Wort am Sonntag

 

Heute, am «Volkstrauertag», soll der Kriegstoten und der Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen gedacht werden. Die Gefallenen der deutschen Auslandseinsätze heute und die toten deutschen Soldaten, die in der Vergangenheit in Angriffskriegen andere Staaten und Gegenden mit Gewalt, Vergewaltigung, Aushungerung, Genozid und anderem Massenmord überzogen haben, in einen Topf zu werfen mit den Opfern von Kolonialismus, Imperialismus, eliminatorischem Rassismus und Antisemitismus etc. ist zynisch und bei nicht einmal genauerer Betrachtung unmittelbar unmoralisch.

 

«Wenn ich manche Leute zurückgrüße, so geschieht es nur, um ihnen ihren Gruß zurückzugeben.» (Karl Kraus)


Wer berufs- oder zumindest gewohnheitsmäßig dem Stalking nachgeht, kann die «Initiative Recherche und Reflexion» vielleicht dabei unterstützen, meine Auftritte zu registrieren, bevor sie stattfinden. Macht doch keinen Spaß, nur hinterher eine Sammlung zu veröffentlichen, die versucht, mich als «Islam/-ismus Versteher/Verharmloser» an den Pranger zu stellen. Wo ist der Wert, öffentlich zugängliche Internetseiten zu unter einem Schlagwort (meinem Namen) zu versammeln, wenn geneigte Nutzer_innen dadurch nicht einmal die Gelegenheit erhalten, mir von Aug zu Aug gegenüber zu sitzen?


Ich würde gern sagen: «arme Irre», allerdings bin ich davon überzeugt, dass es sich bei den Betreibern, die sich zu schade sind, ein Impressum anzulegen, um Söhne der mittleren Klassen handelt.

 

Nicht suchen. Finden.


Bei Insekten-Befall in der Wohnung einfach Frotteehandtücher mit deutschsprachiger Schlagermusik beschallen und sie dann an den betroffenen Stellen den kleinen Plagegeistern in den Weg legen.

 

Quod licet Iovi, non licet bovi

 

«Wollte man an den deutschen status quo selbst anknüpfen, wenn auch in einzig angemessener Weise, d.h. negativ, immer bliebe das Resultat ein Anachronismus. Selbst die Verneinung unserer politischen Gegenwart findet sich schon als bestaubte Tatsache in der historischen Rumpelkammer der modernen Völker. Wenn ich die gepuderten Zöpfe verneine, habe ich immer noch die ungepuderten Zöpfe. Wenn ich die deutschen Zustände von 1843 verneine, stehe ich, nach französischer Zeitrechnung, kaum im Jahre 1789, noch weniger im Brennpunkt der Gegenwart.»


Schrieb Karl Marx, der wahrscheinlich erste «Antideutsche». Ich bin so «antideutsch» wie er. Oder wäre es zumindest gern. Vielleicht deswegen empfinde ich es als ästhetische, politische und moralische Zumutung, wenn der Begriff immer noch von Hinze und Kunze als Selbstbezeichnung in Anspruch genommen wird. Ich möchte dem Personenkreis der Hinzes und Kunzes (und Schulzes und Müllers meinetwegen auch) vorschlagen, sich in «Allzudeutsche» umzubenennen. Ihr Theorie-Organ könnten sie unter Umständen «Bananas» nennen.

 

Sorgfältige Abwege


«Wenn auch die Leben nicht immer unsere Leben gewesen waren, so waren die Toten doch unsere Toten», schreibt der türkische Schriftsteller Mario Levi. Die Toten, ob wir sie kannten oder nicht, sind immer «unsere» Toten gewesen. Vielleicht gerade weil unser Leben nicht immer «unseres» ist. Deniz Utlu hat einen sehr einfühlsamen, ausgesprochen klugen, einen sehr hilfreichen Text zu der Frage geschrieben, wie den Opfern rassistischer Morde und Gewalt gedacht werden kann, wenn es doch im Bestehenden kein angemessenes Gedenken gibt. In Trauer und mit Zorn.

 

I am a Wutbürger, Baby!

 

Ich möchte mich bei Olaf Scholz («Sozialdemokratie»), Alice Schwarzer («Bild der Frau»), den Sicherheitsbediensteten der Deutschen Bahn («Hau ab, du N–») und zahlreichen anderen Prominenten und Nicht-Prominenten nienich bedanken für ihre Beiträge im Dienste der allseitigen «Meinungsfreiheit» in unserem Land. Ihre öffentlich geäußerten Gedanken aus den letzten Tagen sind zwar frei, aber sie stehen im Dienst der Unfreiheit. Die oben genannten Personen wissen, dass Prostitution eine Arbeit ist. Dass das Problem Rassismus heißt. Dass kein Mensch illegal ist – nirgends. Dass sie trotzdem willentlich das Gegenteil sagen und mit Macht (z.B. Gesetze, Geld, Befugnisse, Medien) durchsetzen, qualifiziert sie in meinen Augen zu Zombies (Tote, die nicht begraben wurden oder aus dem Grab auferstanden sind).

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Es ist egal, was Jürgen sagen würde. Sowas von.

 

Es ist sicher ganz grundsätzlich falsch, der Musik eine instrumentelle Funktion im menschlichen Alltag zuzuschreiben, aber es ist, wie es ist, und so muss es gesagt werden: Diese Symphonie – und vor allem diese Aufnahme (externer Link) – gestatten es mir, eine gesellschaftliche Sache wie Arbeit zum Naturprozess umzudeuten. Jürgen Habermas wäre not amused. Ich bin es aber doch.

 

Völkerrechtssubjekte mit seltsamen Namen und bunten Fummeln (1)


Bei all den Nachrichten über die Drama-Bischöfin aus Limburg habe ich eben so bei mir gedacht: «‹Der Heilige Stuhl›, das klingt ein bisschen so wie ‹Die Heilige Scheiße› – da sollten die mal was machen, aus Marketing-Gründen.» Die Alternative «Der Apostolische Stuhl» scheidet allerdings auch irgendwie aus. Also im Sinne von dem einen «Ausscheiden». Und nicht im Sinne von dem anderen «Ausscheiden».

 

«Μακάριοι οἱ πτωχοὶ τῷ πνεύματι, ὅτι αὐτῶν ἐστιν ἡβασιλεία τῶν οὐρανῶν.»


«Es gibt Menschen, die es zeitlebens einem Bettler nachtragen, dass sie ihm nichts gegeben haben», könnte Karl Kraus über den aktuellen Bundesinnenminister geschrieben haben. Bedauerlicher Weise ist Karl Kraus seit 1936 tot. Hans-Peter Friedrich hingegen lebt erst seit dem 10. März 1957.

 

Deutschland, deine Dichter. Deutschland, deine Denker.

 

Da es sich bei der «Tageszeitung» um eine Tageszeitung handelt, gehe ich davon aus, dass sie «von 12.000 GenossInnen ermöglicht» wird, auf dass sie gelesen werde. Zum Inhalt der «Tageszeitung» gehörte an diesem Wochenende der verlinkte Artikel, in dem sich auch der folgende Absatz befindet, den ich gelesen und meines Erachtens verstanden habe. Und zwar so: Die sprachliche Bezeichnung für etwas/eine Person ist identisch mit dem Etwas/der Person. Das ist sprachwissenschaftlich etwas … überholt. Eine Sprachpolizei «torpediert» – und zwar «bequem» und «wirksamer, als ihre echten Gegner, auch die mit den Baseballschlägern [!], das jemals könnten» eine Sache, die «unser Anliegen» ist. Auf Deutsch heißt das: Schwarze und Rroma, die die keinen Bock mehr haben auf rassistische Personenbezeichnungen, verhindern effektiv, dass wirklich gute weiße Menschen die Welt vor dem wirklich Bösen bewahren. Was das ist, Antirassismus, der zählt, wissen sie selbstredend besser als irgendwer sonst:

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Warum schäme ich mich?

 

Der 27. September 2013 ist ein ganz gewöhnlicher Frühherbsttag. Vielleicht ein bisschen wärmer als zu erwarten wäre, ein wenig angenehmer im Anlauf als die Tage davor. Ich hatte mich gut auf den Tag vorbereitet, zwei wichtige Gespräche stehen auf der Arbeit an, das erste um 11:30 Uhr. Keine Eile, vielleicht sogar ein bisschen Vorfreude. Die S-Bahn ist voll, aber alle, die sitzen wollen, haben ihren Platz gefunden. Mir gegenüber auf einem der Viererplätze eine etwa Fünfundvierzigjährige, die eine populäre Zeitschrift, neben ihr ein etwas älterer Mann, der einen Fantasy-Roman liest. Eine Viertelstunde ignorieren wir uns mit gelegentlichen Blicken höflich, interessiert aber an der Lektüre der jeweils anderen Personen. Es gelingt mir in den fünfzehn Minuten trotzdem nicht, den Buchtitel oder eine Überschrift aus der Zeitschrift zu erkennen. Am Bahnhof Sonnenallee steigt eine Frau über sechzig ein. Sie hat ein markantes Gesicht, gepflegtes Haar und ist extravagant gekleidet, ein bisschen zu warm vielleicht für einen Tag, der fast zwanzig Grad verspricht. Ihr eierschalenfarbener Kunstpelz ist am auffälligsten. Ich nehme mein Buch in die eine und die Tüte zwischen meinen Beinen in die andere Hand, stehe auf und gestatte ihr dadurch, trotz weitem Pelz den letzten freien Sitz am Fenster einzunehmen. Dann setze ich mich wieder hin und stecke mein Buch in meine Umhängetasche. Ich muss in wenigen Minuten aussteigen.

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«Jene, die Freiheit aufgeben, um eine vorübergehende Sicherheit zu erwerben, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit.»

 

Liebe National Security Agency (NSA),

 

kannste in deinem Behörden-Google ma gucken, ob du was da hast zu, «Beate Zschäpe, geb. Apel», «Uwe Böhnhardt» oder «Uwe Mundlos»?

 

Sachdienliche Hinweise sind beim NSU Watch sicher besser aufgehoben als bei deinen deutschen Kolleginnen.

 

Stonewall was a riot, don’t you know…


Es ist ein glücklicher Umstand, dass hier jemand offenbar zum allerersten Mal versucht, in einem Text Gedanken miteinander zu verknüpfen. Viele nebulöse Formulierungen und das Fehlen eines «roten Fadens» verhindern hoffentlich wirksam, dass viele die Stelle erreichen, wo der Verfasser u.a. zu diesem Punkt kommt: «Wenn ich über meinen Tellerrand gucken muss, kann ich nicht mehr schwul sein.» (Die Übersetzung stammt von mir. Beim Verfasser heißt es, ein Engagement gegen Rassismus, Globalisierung – gemeint ist vermutlich Antikapitalismus – oder Geschlechterdichtomie «brächte das spezifisch Homosexuelle, die nicht tilgbare Differenz zum gewöhnlichen Verständnis von Heterosexualität, zum Verschwinden: dass Schwule und Lesben nun einmal – auch, nicht nur! – anders sind; dass ihr Begehren andere Voraussetzungen hat. Das wäre jedoch eine Auslöschung der politischen Subjektivität Homosexueller.»


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Küssen verboten. Alkohol verboten. Protestieren verboten. Rumstehen verboten.


Wann wird in der Türkei eigentlich das Kacken verboten? Schließlich könnte das als Statement zur Regierungspolitik verstanden werden.

 

Das Museum der Unschuld

 

«Ich höre İstanbul zu, die Augen geschlossen.

Erst weht eine leichte Brise,

Sachte wiegt sich

das Laub in den Bäumen;

In der Ferne, weit in der Ferne,

Pausenlos, das Geläut der Wasserverkäufer.

Ich höre İstanbul zu, die Augen geschlossen.»


Orhan Veli Kanık

 

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Glück ist die Erfüllung von Kindheitswünschen

 

Ein Glück für Femen, dass ich nicht ihr Mitglied bin. Sonst hätten die bald ein Verfahren nach § 86a StGB. Wer will das schon?


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Schwarz-braun ist die Haselnuss


An manchen Tagen ist es mir wesentlich unangenehmer als an anderen, mit all den Irren in einen Topf geworfen werden zu können, weil ich zufällig mehr oder weniger so homosexuell bin wie Menschen, die beim LSVD organisiert sind. 2012 war es noch ein bisschen lustig: Da hatte dasselbe LSVD-Bündnis gegen Homophobie dem Homohasser Wölki seinen «Respektpreis» [!] angetragen. Kardinal Wölki lebt zum Glück noch und zeigte die Größe, diesen Schwachsinn schnell zu beenden.


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Somewhere over the rainbow


Ich bin sehr stolz, vor anderthalb Jahren dieses Buch herausgegeben zu haben. Noch stolzer darf ich nur sein, dabei mit so vielen wundervollen Menschen zusammengearbeitet gearbeitet zu haben. Ich bin überzeugt, von denen wundert sich niemand, warum beim Kölner CSD die rassistische «Pro»-Partei mitlaufen will oder dass gerade ein heterosexistischer Staat die Instanz sein soll, die darüber richten kann, wer bei einem CSD dabei sein kann («die sind ja nicht verboten»).


 

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Deine blauen Augen machen mich so sentimental…

 

Leute, die gern von «Fremdenfeindlichkeit» sprechen, haben in Zukunft die Möglichkeit, Seminare zum «Theorie und Praxis der Bekanntenfreundlichkeit» bei mir zu belegen. Methodisch wird sich das Angebot an der konfrontativen Pädagogik orientieren. #deine_blaue_augen_machen_mich_so_sentimental

 

Unter vier Augen wird gern eins zugedrückt

 

«Asylkompromiss» ist der Name für die faktische Abschaffung des Asylrechts heute vor 20 Jahren: Am 26. Mai 1993 haben sich aus CDU, CSU, FDP und die «oppositionelle» SPD unter Scharfmacher O. Lafontaine darauf geeinigt, dass die Sensibilität des deutschen Mobs wichtiger ist als das Leben von Leuten, die nicht «deutsch» sind und nicht deutsch sein können. Kein Wunder, dass zum Dank fürs Entgegenkommen drei Tage später in Solingen Menschen verbrannt wurden. Kein Wunder, dass Nazis bis heute damit rechnen können, dass im Zweifelsfall sie eher «dazu»-gehören als ihre Opfer.

 

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Fristen für Abschreibungen in Deutschland

 

Der Neubau einer Halle [!] für den Prozess gegen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe (RAF 1.0) hat 12.000.000 DM gekostet. Das wären heute vielleicht 8.000.000 €. Kein Wunder, dass sich der Staat von einer solchen Investition erst einmal erholen muss, ist doch erst 37 Jahre her. Hätte der «NSU» sich nur ein bisschen mehr Zeit mit seiner Entdeckung gelassen, würde er bestimmt auch einen geräumigeren Verhandlungssaal bekommen. Die Abschreibungsfristen in Deutschland eben…

 

Zwinker-zwinker, lol, rofl


Ich bin Opfer, wenn du was gegen Opfer hast. Mein Name ist Koray Yılmaz-Günay und ich schaue ganz böse: wenn du Rassismus individualisierst, mit deiner Privilegien-Fresse von einem weltoffenen Deutschland faselst und überhaupt: Deine Mudda. Denn du kriegst nicht aufs Maul. Auch wenn es sexy ist, so zu tun, als wäre das möglich. Halt die Fresse. Etwas ganz anderes wird gebraucht. (Zum Beispiel Clubs ohne rassistische Türpolitik, Herr van Dyk, Bundesländer ohne rassistische Polizeigewalt, Herr Wowereit, Medien, Kunst und Kultur, die empowern statt Stereotype zu bestätigen, Frau Cukrowski. Etc. etc. etc.). Würden Sie dagegen was tun, müssten Sie nicht bei solchen Kampagnen mitmachen.


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Wenn der Staat mordet…

 

Wenn der Staat mordet, macht er es gründlich. Er trägt bereits bei deiner Geburt nicht den Namen ein, den deine Eltern dir geben wollen, sondern einen, den er für angemessen hält (hier: Fırat). Schließlich ist die Identität deiner Eltern (hier: armenisch) gerade gut genug für ein Schimpfwort; keine Sorge, der Staat will dich nur schützen, wenn er sagt, dass du nichts Besonderes bist. Er lässt dich in der Schule Leitsätze auswendig lernen und aufsagen und Bücher lesen, die deine Geschichte, deine Existenz, deine Zukunft leugnen. Er lässt seine Verfassung, seine Gesetze, seine Ausführungsvorschriften, seine Beamten und Angestellten, seine Organe und Institutionen ganz neutral arbeiten. Irgendwann wirst du vielleicht ermordet, so etwas kommt vor. Nicht-geboren worden und gestorben bist du vorher aber schon zigmal. Vor sechs Jahren ist der Journalist Hrant Dink ermordet worden, so etwas kommt vor. Ein Jugendlicher hat abgedrückt, weil das weniger Strafe gibt. Die Hintermänner sind heute Parlamentsabgeordnete, Provinz-Gouverneure und andere respektable Männer der Regierungspartei und des türkischen Staates. In Hrant Dinks letztem veröffentlichten Artikel heißt es: «So als wäre der einzige Preis, den Menschen deswegen bezahlen müssen, eine Gefängnisstrafe… Da haben Sie Ihren Preis… Wissen Sie, verehrte Herren Minister, was für ein Preis es hat, jemanden in die Ängstlichkeit von Tauben zu bringen…? Wissen Sie es…? Haben Sie denn nie Tauben beobachtet?»

Hier geht es zu meiner Übersetzung von «Die Angst der Tauben. Dokument einer tödlichen Bedrohung» (2007)


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In Griechenland denke ich an Paul Celans Wort von 1958

 

«Erreichbar, nah und unverloren blieb inmitten der Verluste dies eine: die Sprache. Sie, die Sprache, blieb unverloren, ja, trotz allem. Aber sie musste nun hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse todbringender Rede. Sie ging hindurch und gab keine Worte her für das, was geschah; aber sie ging durch dieses Geschehen. Ging hindurch und durfte wieder zutage treten, ‹angereichert› von all dem.»